Nation im Wandel

In den kommenden knapp fünf Wochen werden wir Anatolien, den asiatischen Teil des türkischen Staatsgebiets, von West nach Ost durchfahren. Um den verkehrsreichen Ausfallstrassen Istanbuls auszuweichen, nehmen wir die Fähre über das Marmarameer ins fünfzig Kilometer südöstlich gelegene Yalova. Nach der Fahrt der vergangenen Woche entlang der griechischen und türkischen Küste freuen wir uns auf die Berge und das anatolische Hochland. Die Strecke nach Ankara führt uns vorwiegend auf kleineren Strassen und durch für westtürkische Verhältnisse eher dünn besiedeltes Gebiet. Dennoch treffen wir auch hier auf – teilweise noch im Bau befindliche – riesige Infrastrukturbauwerke sowie auf unzählige Steinbrüche. Letztere liefern die Ressourcen für den staatlich verordneten Bauboom um das seit über einem Jahrzehnt anhaltend hohe Wirtschaftswachstum der Türkei nicht einbrechen zu lassen. Der aktuelle Staatspräsident möchte die Türkei bis in fünf Jahren, zum hundertjährigen Jubiläum der Republikgründung, unter die zehn grössten Wirtschaftsnationen weltweit führen. Diese Entwicklung wird das Landschaftsbild über weite Strecken der Türkei prägen.

 

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In Küre, einem kleinen Dorf an den Ausläufern des anatolischen Hochlandes gelegen, erleben wir das erste Mal die türkische Gastfreundschaft. Eigentlich wollen wir nur nach Wasser für die anstehende Zeltnacht fragen, da haben wir bereits eine Einladung um bei der jungen dreiköpfigen Familie zu Übernachten. Bei dem durchaus interessanten Gespräch zeigt sich wiederholt das sehr ausgeprägte Nationalbewusstsein der Türken. In keinem der bisher bereisten Ländern haben wir so viele Flaggen gesehen wie in der Türkei. Der Stolz der Türken geht auf Mustafa Kemal Atatürk zurück – dem Vater aller Türken. Als Gründer der modernen Türkei wird ihm bis heute eine personenkultartige Verehrung entgegengebracht. Die Prinzipien des Kemalismus leben bis heute fort, obwohl sie durch die politische Entwicklung der letzten Jahre stark ausgehöhlt wurden. Die Familie ist nach eigenen Aussagen mit der aktuellen Regierung unzufrieden, dennoch legt sie dasselbe Gedankengut an den Tag. Gerne erinnern sie sich an das Osmanische Reich zurück. Dafür mag es wohl mehrere Gründe geben. Dass der Ort Sögüt, die erste Residenzstadt der Osmanen, nur wenige Kilometer südlich liegt, ist einer davon. Auch der aktuelle Staatspräsident möchte gerne wieder an die Grösse des Osmanischen Reiches anknüpfen. Die Türkei soll Hegemonialmacht und religiöses Zentrum der Sunniten werden.

 

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Kurz vor Ankara hören wir von Marc, einem Veloreisenden aus Belgien, welcher bei einer Campingnacht von einem bewaffneten Mann sexuell genötigt wurde. Glücklicherweise ging der Vorfall glimpflich aus. Da er sich ganz in der Nähe von uns befindet, entscheiden wir in Ankara auf ihn zu warten und uns mit ihm zu treffen. Wir sind uns sofort sympathisch und entscheiden die kommenden Tage gemeinsam nach Kappadokien zu fahren. Die Strecke führt uns grösstenteils durch dünn besiedelte Landschaften und auf kaum befahrenen Strassen. Wir nähern uns den endlosen Weiten Zentral- und Ostanatoliens. Mit der Landschaft ändern sich auch unsere Gewohnheiten. Mit unserem neuen Begleiter werden die Stunden auf dem Velo weniger, wir zelten fast ausschliesslich und das Essen wird abwechslungsreicher. Mit diesem Rhythmus nähern wir uns langsam den bizarren Felsformationen Kappadokiens und der aus dem weichen Tuffstein gehauenen Höhlenarchitektur. Überraschenderweise stossen wir auf eine Vielzahl guterhaltener Kirchen – in der ganzen Region sollen es mehr als dreirtausend sein. Diese zeugen von der christlichen Vergangenheit, welche bis ins 20. Jahrhundert andauerte. Bereits bei der ersten Besichtigung einer Kirche fallen uns bedauerlicherweise bei den Wandmalereien Gesichter mit ausgekratzten Augen auf. Diese Beschädigungen sind auf die Umnutzung der Kirchen zu Moscheen und das im Islam geltende Bilderverbot, welches bildliche Darstellungen von Menschen und Tieren untersagt, zurückzuführen. Der vergleichsweise gute Zustand der Kirchen in Kappadokien täuscht jedoch über die allgemeine Situation in der Türkei jenseits von den touristischen Orten hinweg. Neben Umnutzungen in Moscheen, Lagerhallen oder dergleichen werden die Kirchen auch oftmals einfach dem Verfall überlassen.

Kappadokien zieht nicht nur Rucksacktouristen sondern auch massenhaft Fahrradfahrer an. Bis jetzt können wir diejenigen, die wir unterwegs getroffen haben, an einer Hand abzählen. Hier im Herzen Anatoliens treffen jedoch auf einmal fünfzehn Fahrradfahrer aus sieben verschiedenen Ländern zusammen. Bevor es weitergeht, werden an jenem Abend mit Wurst und Bier noch Kontakte geknüpft und bisherige Fahrgemeinschaften aufgelöst und neue gebildet. Wir fahren jedoch, länger als geplant, zu dritt weiter Richtung Osten. Durch eine vulkanische Landschaft geht es am Fusse des bis zu dreitausend Meter hohen Erciyes Dagi vorbei – dem Ursprung dieser spektakulären Tufflandschaft. Die Strasse steigt stetig an bis sich die Höhenanzeige auf unserem Fahrradcomputer für die nächsten zwei Tage bei über tausendfünfhundert Meter einpendelt. Wir sind nun definitiv in den endlosen Weiten Anatoliens angekommen. Das alles beherrschende Element hier ist die Natur. Genau richtig für Marc, einem besonders naturverbundenen Menschen. Auch wir geniessen die Ruhe, jedoch distanzieren wir uns auch unbemerkt von der Gesellschaft. Die wenigen Kontakte in der sonst schon menschenleeren Gegend beschränken sich auf unsere täglichen Einkäufe. Kurz vor Divriği, einer Kleinstadt mitten im Nirgendwo, geht es plötzlich tausend Meter talwärts und wir nähern uns der zerklüfteten Bergwelt im Einzugsgebiet des Euphrats. Wir beziehen hier seit über zwei Wochen wieder ein Hotelzimmer. Als wäre das der Auslöser gewesen entscheidet sich Marc spontan ab hier den Zug Richtung Georgien zu nehmen und die Türkei hinter sich zu lassen.

 

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Nach einem weiteren heftigen Anstieg und der darauffolgenden Abfahrt erreichen wir endlich den Euphrat oder genauer gesagt dessen Quellfluss Karasu. Wir haben im Vorfeld gelesen, dass der Oberlauf des Euphrats noch weitestgehend unberührt und vom Südostanatolien-Projekt, dem grössten türkischen Entwicklungsprojekt mit über zwanzig Staudämmen entlang des Euphrat und Tigris, verschont geblieben sein soll. Doch bereits nach wenigen Kilometern erhebt sich vor uns die Betonmasse einer Talsperre und unser Navigationsgerät führt uns direkt darauf zu. Wir müssen auf die gut ausgeschilderte und frisch asphaltierte Umfahrung ausweichen. Unser ansonsten gutes Kartenmaterial scheint nicht aktuell und der Staudamm neueren Datums zu sein. Es soll nicht das letzte Mal gewesen sein. Auf den folgenden Kilometern sehen wir wiederholt die alte Strasse in den Wassermassen auf- und abtauchen bis die Umfahrung später wieder darauf zurückführt. Der Euphrat windet sich nun über eine längere Strecke durch ein enges Tal mit steil aufragenden Felswänden und die Strasse führt uns immer wieder die Hänge hinauf. Wir geniessen einen Ausblick, welchen wir seit der Überquerung der Alpen nicht mehr gesehen haben.

Schliesslich passieren wir Kemah, wo sich der Euphrat ein letztes Mal am Eingang der Stadt durch eine enge Schlucht drängt und sich anschliessend in einem breiten Talboden weitet. An dieser Stelle wurden vor über hundert Jahren während des Völkermordes an den Armeniern innerhalb weniger Tage über fünfundzwanzigtausend Armenier getötet, indem sie in die Fluten des Euphrats geworfen wurden. Auch auf der folgenden Strecke zur nächsten Stadt begleitet uns das Leid der Minderheiten in der Türkei, welche diese seit dem Osmanischen Reich und bis in die heutige Zeit der modernen Republik immer wieder ertragen müssen. Gegen Abend finden wir, einige Meter entrückt von der Strasse, einen ruhigen Zeltplatz am Flussufer. Als wir gerade daran sind, unser Zelt aufzubauen finden uns zwei mit Sturmgewehren russischer Bauart bewaffnete Männer, die sich als Soldaten der Jandarma, einer paramilitärischen Einheit in der Türkei, ausweisen. Sie geben uns in gebrochenem Englisch zu verstehen, dass wir hier sowie auf den nächsten fünfzig Kilometer bis Erzincan, der nächsten grösseren Stadt, nicht zelten dürfen. Immer wieder fällt das Wort Terroristen und wir entscheiden, in der Annahme dass diese beiden Herren etwas übertreiben und uns noch etwa drei Stunden Fahrt bevorstehen würden, einige Kilometer später nochmals einen geeigneten Schlafplatz zu suchen. Bereits nach kurzer Fahrt stellt sich heraus, dass aus diesem Unterfangen heute nichts mehr wird. Immer wieder überholen und kreuzen uns mehr oder weniger offiziell aussehende Fahrzeuge mit bewaffneten Männern. Auch auf Nachfrage in einem Dorf, ob wir hier übernachten dürfen, werden wir an die nächste Kaserne der Jandarma verwiesen. Wir fahren weiter und spätestens als wir im letzten Tageslicht zwei Silhouetten mit Gewehren im Anschlag auf der Anhöhe neben der Strasse erblicken, wird uns flau im Magen und wir entscheiden bis Erzincan durchzufahren. Wir kommen zwei Stunden nach Sonnenuntergang an und stellen erschöpft unser Zelt hinter einem kleinen Shop am Rande der Stadt auf. Erst später erfahren wir, dass es sich bei den angeblichen Terroristen um Kurden – genauer gesagt um Angehörige der PKK – handelt und dass erst vor wenigen Monaten Einsätze der türkischen Streitkräfte gegen Höhlen und Behausungen in den Bergen entlang des Euphrats erfolgt sind. Den Euphrat können wir dann doch noch während den nächsten zwei Tagen bis nach Erzurum, dem konservativen Zentrum Ostanatoliens, geniessen.

 

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Nach einem Ruhetag in Erzurum, die Stadt hat ausser ein paar Moscheen und einer Koranschule nicht viel zu bieten, machen wir uns auf den Weg zur georgischen Grenze. Diese wäre auf direktem Weg über das anatolische Hochland zu erreichen. Wir entscheiden uns jedoch talwärts Richtung Schwarzmeerküste in das Tal des Coruh Flusses zu fahren um anschliessend wieder den beschwerlichen Weg zurück auf die Hochebene zu nehmen. Neben der spektakulären Landschaft, welche uns an diejenige des Hohen Atlas in Marokko erinnert, möchten wir vor allem den im Bau befindlichen Yusufeli-Staudamm sehen. Dieser soll einst die dritthöchste Talsperre der Welt werden. Der Coruh wird heute flussabwärts bereits dreimal gestaut und weitere Dämme sollen folgen. Auf der Anfahrt durch das von steilen und kargen Felswänden begrenzte Flusstal passieren wir mehrere idyllisch gelegene Dörfer. Bereits über zwanzig Kilometer vor der eigentlichen Staumauer fallen uns die Arbeiten an der neuen Umfahrungsstrasse auf. Mit zunehmender Fahrt kommt diese immer höher zu liegen bis sie sich schliesslich beinahe dreihundert Meter über uns befindet. Allmählich werden uns die Dimensionen dieses Stausees bewusst. Kurz vor der Staumauer nehmen wir den Abzweig nach Yusufeli, einer lebendigen Kleinstadt welche bereits in wenigen Jahren – so genau scheint das hier niemand zu wissen – weit oben in den steilen Hängen liegen soll. In der Stadt selbst ist davon noch wenig zu spüren, nur die sichtbaren Terrassierungen verraten den Standort der neuen Retortenstadt. Die Bewohner machen sich weniger Gedanken über ihre neue Wohnsituation – die Entschädigungen scheinen angemessen zu sein – denn über ihren Arbeitsplatz. Der lokale Tourismus lebt bis anhin primär von Rafting und zu einem kleineren Teil von der Kletterei. Zumindest erstere Einnahmequelle wird wegfallen.

Die Staumauer bekommen wir leider nicht zu Gesicht, da diese an einer unzugänglichen Stelle liegt. Wir verlassen den Coruh mit gemischten Gefühlen. Neben den nicht absehbaren sozialen – mehrere zehntausend Menschen müssen umgesiedelt werden – und ökologischen Auswirkungen stimmen vor allem die Entwicklungen wie sie im Rahmen des Südostanatolien-Projektes am Euphrat festzustellen sind nachdenklich. Die Verfügbarkeit des Wassers wird dort gegen Kurden sowie den syrischen und irakischen Staat als Kriegswaffe eingesetzt. Schlussendlich zielen diese Infrastrukturprojekte darauf ab, die Türkei unabhängiger vom Ausland zu machen und die Macht im Nahen Osten – einer heute instabilen Region – auszubauen. Es gibt aber auch durchaus Positives an der Entwicklung, welche seit der Regierungsübernahme der AKP-Partei unter Erdogan anhält, auszumachen. Diese hat der türkischen Bevölkerung massiven Wohlstand gebracht. Neben Schulen und Spitälern wurde vor allem die Infrastruktur ausgebaut. Als Velofahrer erfreuen wir uns an den guten Strassen, welche wir selten so gut angetroffen haben.

Bevor es an den beschwerlichen Aufstieg zurück auf die Hochebene und anschliessend zur georgischen Grenze geht, besuchen wir noch die unweit der Hauptstrasse in einem Seitental gelegene georgische Klosterruine Öşk Vank. Diese sowie viele weitere Kirchen und Klöster verweisen auf die christliche Vergangenheit der Region. Historisch gesehen befinden wir uns denn auch bereits im Armenischen Hochland. Das heutige Ostanatolien, welches noch bis zum Völkermord an den Armeniern im Jahre 1915 Westarmenien hiess, gibt uns einen Eindruck dessen, was uns in den kommenden Wochen mit der Fahrt durch Georgien und Armenien landschaftlich sowie kulturhistorisch erwarten wird.

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